Alleinerziehend ist auch Familie – nur anders

von shrimpmama
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Gastbeitrag von Silke Wildner vom Blog gut-alleinerziehend.de

„Schaaaatz, kannst du mal…!“ ist vermutlich der am häufigsten verwendete Satz in deutschsprachigen Familien. Und dabei ist es völlig egal, ob Schatz a) mal kurz nach dem Kind gucken soll, b) etwas im Supermarkt einkaufen muss oder c) als helfende Hand benötigt wird. 

Wichtig ist nur, dass es einen Schatz im Hause gibt. Ein Partner, der in der „Not“ zur Stelle ist und mir mal schnell was abnehmen kann, wenn ich a) gerade nicht nach dem Kind gucken kann, b) mit beiden Händen schon im Teig hänge, aber Milch vergessen habe einzukaufen oder c) am Möbelstück Marke Eigenbau verzweifle. 

Diesem Satz trauere ich als Alleinerziehende am meisten nach. Denn ich bin alleine daheim mit zwei Kindern. Da gibt es keinen „Schaaatz…“ mit dem ich mir auf Paarebene Freud und Leid bei der Aufzucht der Zwerge teilen kann.

Alleinerziehend, aber nicht alleine

Obwohl das Wort „alleine“ in „alleinerziehend“ steckt, ist es mir im Alltag alles andere als langweilig und einsam fühle ich mich auch nicht. 

Denn ich kann mir auch die Familienkommunikation mit niemandem teilen. Während in einer klassischen Vater-Mutter-Kind-Familie auf ein Kind zwei erwachsene Ansprechpartner kommen (2:1), oder bei zwei Kindern das Verhältnis 2:2 ausmacht, rede ich im Verhältnis 1:2.

Zwei kleine Kinder und beide im „Warum“-Modus, gepaart mit temporärer Schwerhörigkeit, so dass Mami sich manchmal einen Knoten in die Zunge redet. Da ist es nicht verwunderlich, dass für mich an kinderfreien Wochenenden Schweigen pures Gold ist.

„Frag doch mal Papa“ – ist mein zweiter schmerzlich vermisster Satz im neuen Familiengefüge.

„Wie schaffst du das bloß?“

Es gibt aber auch neue Sätze, an die ich mich erst gewöhnen muss. „Wie schaffst du das bloß als Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern?“ ist einer dieser Sätze. Ich kann mir vorstellen, dass diese Frage für Außenstehende sehr wichtig ist. 

Ich selbst konnte mir als Ehefrau und Mutter auch nicht vorstellen, wie es möglich sein soll, dass eine Person eine komplette Familie finanziell, organisatorisch und emotional alleine stemmt. Denn häufig kommt man schon mit Partner, zwei Gehältern und nur einem Kind an seine Grenzen.

Im Grunde ist es zu vergleichen mit der Veränderung, wenn wir das erste Mal Eltern werden. Diese Umwälzung des bisherigen Lebens ist so fundamental, dass es mit nichts Bisherigem zu erklären ist. Und dennoch schaffen es auch Eltern zu überleben. Nichts anderes passiert bei Alleinerziehenden. Es gibt keine Alternative, da muss man einfach durch.

„Du musst das nicht“

Egal ob Sammeltopf für ein Gemeinschaftsgeschenk oder der Einsatz bei einer Fahrgemeinschaft. Weil Alleinerziehende ja alle arm sind, alleine und keine Zeit haben, wird man direkt über einen Kamm geschoren und in die einzig mögliche Schublade gesteckt. 

„Du musst da nicht mitmachen“ ist daher auch ein neuer Satz in meinem Leben. Und er hört sich genau so übel an, wie damals im Sportunterricht, als man nicht in ein Team gewählt wurde.

Ja, es stimmt zwar, dass Alleinerziehende überproportional oft von Armut betroffen sind, aber es sind nicht alle und schon gar nicht mehr als die Hälfte. Dieses Bild über Alleinerziehende ist aber medial so weit gestreut und in den Köpfen verankert, dass ich mir den Mund fusselig reden kann. Es hilft nix: Alleinerziehend = arm. So ist es in den gesellschaftlichen Stein gemeisselt.

Gut leben als Alleinerziehende

Als Alleinerziehende hat sich mein Leben grundlegend verändert. Die plötzliche Trennung meines Mannes von mir war das schlimmste Erdbeben, dass ich bisher durchstehen musste. Es hat alles Bisherige auf den Kopf gestellt und kräftig durchgeschüttelt. 

Und wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und keine der bisherigen Lebenserfahrungen und Methoden greift, dann muss man alte Pfade verlassen und ganz eigene neue Wege gehen.

Mein neuer Lieblingssatz ist jetzt „Es ist möglich als Alleinerziehende ein gutes Leben zu führen.“ Und damit meine ich keine emotionale Augenwischerei. 

Aus einer halbgaren Ehe ist ein wunderbares Familienleben mit meinen beiden Kindern entstanden. Es ist ein wenig anders als du es vielleicht kennst oder dir vorstellen kannst. Aber es funktioniert für alle Beteiligten.

Ich habe meine Finanzen im Griff, bin nicht auf Almosen oder staatliche Beihilfen angewiesen, weil ich einen Weg gewählt habe, der mir viel Familienzeit und ein gutes Einkommen ermöglicht. 

Und nein, ich habe nicht im Lotto gewonnen oder eine Erbschaft gemacht. Ich schuffte mich auch nicht in einer Vollzeit-Stelle zugrunde, sondern bin in der Tat werktags ab 14 Uhr für meine Kinder da. 

Mein Fazit

Alleinerziehend werden ist ein starker Tobak. Eine Lebensphase in der man alles Gute, positive Vorbilder und jede verfügbare Hilfe braucht. Aber stattdessen sieht man, egal wohin man schaut, überall nur Negativschlagzeilen. 

Mag sein, dass diese mediale sehr einheitliche Opfer-Prägung der Alleinerziehenden in der Presse und den Kanälen auf die Missstände aufmerksam machen möchte. Es ist ja auch eine Sauerei, dass Alleinerziehende mit so vielen Schwierigkeiten zu kämpfen haben und von der Gesellschaft und Politik oft im Regen stehen gelassen werden. 

Für eine/n Neu-Alleinerziehende/n ist das allerdings verherrend. Angst macht sich breit, lähmende Panik. Muss ich jetzt auch arm werden? Bin ich jetzt ein Sozialfall? Das kann man doch überhaupt nicht schaffen!

„Doch du kannst es schaffen!“ 

Und dieses positive Bild über das Leben als Alleinerziehende möchte ich aussenden. Mit gutem Beispiel voran gehen. Und ich bin nicht alleine. Es gibt mehr von meiner Sorte und sogar Studien darüber (über die niemand berichtet). Im Forschungsbericht des  Bundesfamilienministerium zur Lebenssituation von Alleinerziehenden in Deutschland steht: 

„Alleinerziehende assoziieren ihre Alltagssituationen überwiegend mit positiven Eindrücken. Ihre hohe Verantwortungsbereitschaft und ihre Fähigkeiten, auch schwierige Situationen zu bewerkstelligen, zählen sie zu ihren persönlichen Stärken (Sinus Sociovision 2012).“

Weiterhin steht da, dass 49% aller Alleinerziehenden mit der gegenwärtigen Lebenssituation zufrieden sind. 49 Prozent! Das ist die Hälfte aller Alleinerziehenden. Das sind doch mal Zahlen und Sätze, die Mut machen.

Mehr über das gute Leben als Alleinerziehende findest du auf meinem Blog gut-alleinerziehend.de und in der Facebook Gruppe Gut alleinerziehend zum direkten Austausch.

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